Der Maler

F. betrachtet sich im Spiegel. Er begutachtet die feine, geschwungene Falte, die sich wellenförmig über seine Stirn zieht. Sie verläuft exakt parallel zu seinen Augenbrauen: Wo diese sich heben, beschreibt auch sie einen Bogen, und wo jene zu den Schläfen hin abfällt, senken sich die Brauen – als habe sie jemand auf dem Zeichenblock entworfen.

Untereinander fehlt den Augenbrauen diese Gleichförmigkeit. Die linke ist ein wenig größer als die rechte, buschiger und zu einem nicht ganz vollendeten Halbkreis gebogen, während die andere im spitzen Winkel über dem Auge verläuft. Sein Blick wandert zu seinem Mund, und er muss lächeln. Seine Lippen weisen die gleiche Asymmetrie auf. Alles findet seine Entsprechung. Eines Tages würde er Gesichter wie malen, Gesichter, die wie seines aussehen.

Heute Abend würde er ausgehen. Sicher, den Kragen seines Mantels würde er zuvor hochschlagen und einen Hut tief ins Gesicht ziehen. Die letzten 500 Meter würde er zu Fuß gehen und die Bar durch den Seiteneingang betreten. Aber er würde ausgehen. Der Krieg ist vorbei, seit neun Jahren. Dies ist Berlin. Hier gibt es viele Männer wie ihn, heißt es. Und sein Vater würde es nie erfahren.

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