Alte Liebe X

Worum es geht.
Was zuvor geschah.

Langsam, so scheint es, spürt Levin, dass die Liebelei auf Distanz für ihn zur ernsthaften Angelegenheit wird. Immer öfter mischen sich unter den galanten Plauderton gegenüber Luise Beschwörungen ihrer Gemeinsamkeiten. Am 15. November 1843 schreibt er ihr:

Des Meeres und der Liebe Wellen. Meine Seele schlägt Wellen, wie der aufgeregte See, und der Sturm der hineingeblasen, ist Ihr Brief, meine Sehnsucht.

Wenn Menschen “to a better order of beings” gehören, wie Yorik von Eliza erzählt, so ist, glaub’ ich, der sicherste Weg, dass sie sich teuer werden, sich ineinander verlieren und zum Beisichsein im anderen gelangen, wie Hegel die Liebe definiert, wenn sie sich, wie wir, nicht gesehen haben, aber vertrauensvoll in langen Briefen alles sagen, was just in ihnen aufdämmert, aufblitzt und aufweht. Denn die Unendlichkeit in jedes Menschen Brust ist so groß, und die Unendlichkeit ist so hinreißend, so mächtig über uns, weil wir uns ihre Kinder fühlen und nun zur Mutter hin möchten -, dass wir, wo sie vor uns aufgeht, von ihr gefesselt werden und ewig ihr gehören möchten.

So, denk ich, müssen wir bei der völligen Rückhaltlosigkeit unserer Geständnisse, Gedanken-Mitteilungen und Plaudereien uns unendlich lieb und teuer werden; und bei mir ist das auf dem besten Wege, denn schon sind mir (ich darf es kaum gestehen, denn was müssten Sie sich für schlechte Begriffe von der Treue machen, mit welcher ich an älteren Freunden hänge?) Ihre Briefe, Luise, die liebsten, die als grüne Blätter des Lebens in den dürren Wald meiner Einsamkeit fallen.

Da schreib’ ich Ihnen, ich hasste das “zu Markte Tragen des Gefühls”. Das ist doch nichts als Verständigkeit, richtiges Gefühl und Takt. Sie sind auch derselben Ansicht, denn am Ende Ihres Briefes kommt eine Stelle darüber vor, die aber auch ganz merkwürdig treffend mein eignes Gefühl ausdrückt, grade, als wenn ich sie selber geschrieben hätte: da wo Sie von der Stille der tiefen Liebe und von ihrer zu großen Heiligkeit reden, um den Augen der Welt gezeigt zu werden. Und dennoch – wie werde ich bestraft für meine Worte? Bloß deshalb enthalten Sie mir Ihr für mich geschriebenes Märchen vor? Loise, gesetzt auch, ich hätte ein Vergehen begangen, stände Strafe und Schuld im Verhältnis?

Dann wollen Sie sich scheiden lassen, bloß weil ich Ihnen durch das Beispiel des alten Herrn habe ausdrücken wollen, wie wert mir Ihre Briefe sind, und Sie sind mir bitterböse, dreimal unterstrichen bitterböse deshalb – und endlich kommt der schwerste Schlag von allen: Sie fragen, ich habe Sie tief gekränkt, weil ich Ihnen auf eine ganz kindlich ergebene Weise erlaube, mir mit dem Pantoffel auf den Kopf zu schlagen! Sie behaupten dagegen, Sie könnten niemanden malträtieren und während Sie das sagen, malträtieren Sie mich auf das Grausamste. Oder ist nicht das malträtieren, wenn man dem höchsten Himmel nah’, zurückgewiesen wird, ab, fort, weg, hinaus, ins harte Leben, wo keine Weinsaucen blühen!

Hören Sie, Luise, in allem Ernst! Es herrscht eine große Übereinstimmung der Gefühle in uns und Ihre Ansichten sind die meinen, ich will Ihnen nur gestehen, dass ich ebenso wie Sie von der Opposition bin, ebenso innerlich protestiere. Das kann ich Ihnen aber hier nicht auseinandersetzen, wie es mit Aristokratie und Katholizismus zusammenhängt. Aber ich halte das für eine gute und eben nicht ganz häufige Eigenschaft, die mir angeboren ist, klar und ungetrübt alle Dinge ansehen, beurteilen und ihr Wahres für mich behalten und annehmen zu können, auch von Seiten, welche sich zu widersprechen scheinen. Der Mensch erreicht nicht eher die Harmonie seines Innern mit der gegebenen Welt und die Versöhnung seiner eigenen anfänglichen Geteiltheit, welche seine Lebensaufgabe ist, als bis er den Eintrachtspunkt gefunden, worin alles Zwieträchtige unter einen Hut kommt. Assez, damit Sie mir nicht zuviel Schriftgelehrsamkeit vorwerfen.

Ferner kann ich, eben so wie Sie, Tadel, auch den unumwundensten und entschiedensten ertragen: Ich bin ziemlich daran gewöhnt und hasse nichts mehr als ästhetische Zirkel, wo man eine Art Versicherungskompagnie auf gegenseitiges Lob geschlossen hat. Ebenso bin ich aber auch gerade heraus: Ich tadle scharf, gerade in’s Gesicht, und hinter dem Rücken der Leute lobe ich ihre Sachen gewöhnlich weit mehr, als in ihrer Anwesenheit. Ich erwarte von meinen Freunden nämlich das gleiche und von dem, was von diesen kommt, nehm’ ich nichts übel. In dieser Beziehung können Sie sich ganz auf mich verlassen und mir immerhin Ihre Novelle schicken, worum ich recht herzlich bitte: Dass ich scharf bin, dürfen Sie aber nicht vergessen!

Ferner bin ich sehr aufrichtig auch in anderen Beziehungen, und wenn mich dies zuweilen auch ungalant machen kann, so, denke ich, verzeiht man es der aufrichtigen und ehrlichen Weise, worin ich meine Naivitäten debütiere, deren ungalante Seite mir erst hernach vermöge des uns Deutschen eigentümlichen “Esprit escalier” einfällt. … Lassen Sie uns deshalb Frieden schließen – Sie sollen mich auch nie malträtieren brauchen – aber ob nicht etwas Wahres darin lag, in der Behauptung von der Notwendigkeit des Malträtierens, darüber fragen Sie einmal Ihre eigene Erfahrung. Ich setze dabei eine gewisse Schwäche, Lenkbedürftigkeit u. s. w. voraus und die finden sich in der Tat bei den meisten Menschen, wie Sie das zugleich am meisten erstreben, was sich ihnen entzieht und umgekehrt mit dem Fuchs in der Fabel grade die zu höchst hängenden Trauben für die süßesten halten: dagegen das, was sie leicht erhalten und ganz sicher haben, eher geneigt sind zu vernachlässigen.

Wenn ich mich aber mit diesen Philistern in eine Kategorie stellte, so war das ebenso sehr Scherz wie Ihre Behauptung, ich habe Sie tief gekränkt, es ist. Ja, freilich; denn hätten Sie mir sonst einen so liebenswürdigen langen Brief geschrieben!

Aus dem gerechten Drange, mich zu revanchieren, weil Sie mir mein Märchen vorenthalten, sende ich Ihnen jetzt auch Ihr Gedicht nicht, eines nämlich, das idi für Sie gemacht habe und worin Eiche und Linde sich besprechen … Gestern habe ich endlich das Morgenblatt erhalten, worin die Fortsetzung Ihrer “Maske” enthalten ist. Wie gern wäre ich in Ihrer Nähe jetzt bloß, um Ihnen für so manche köstliche Bemerkung die Hand und für manche noch schönere Ihre Stirn zu küssen, hinter der sich solche tiefsinnige und frappante Gedanken bergen. Das nichtige Treiben der vornehmen Männerwelt haben Sie prächtig begriffen …

Aber darf ich einen Rat hinzufügen? Lassen Sie nie des femmes auteurs Ihre Lieblingslektüre werden: nicht einmal die Sand, obwohl die am ersten, vor allem nicht die Hahn. Für schriflstellernde Männer ist die Sand lehrreich im höchsten Grade: für Frauen ist es am meisten Shakespeare. Die Frauen können nie so die Welt kennenlernen wie wir, darum müssen sie es aus dem Spiegel der Welt: das ist nur Shakespeare. Aus Ihrer Novelle habe ich eine für mich angenehme Hoffnung geschöpft: die nämlich, dass Sie den Humor liebgewinnen können. Den meisten Damen geht der Sinn dafür ab; sie können ihn nicht vom Spaße unterscheiden; sie haben kein Organ dafür; er lässt sie kalt. Nun bin ich ein großer Anhänger humoristischer Auffassungen, und es täte mir leid, mit den Schriften, worin ich diese versuchte, immer bei Ihnen durchzufallen.

Meine Sehnsucht, weshalb bekomme ich Ihr Bild nicht? Ist es nicht grausam, dass Sie es mir und meinen flehentlichen Bitten abschlagen, da ich doch Ihnen alles gäbe, was Sie von mir verlangten, meine Seele selber, wenn Sie sie wollten, Ihnen in Baumwolle gepackt nach Darmstadt schickte mit der Aufschrift “Drucksachen” oder “Sachen ohne Wert”. Nein, das ist ein schlechter Spaß; meine Seele ist wohl was wert; es ist bei Gott eine gute Seele, und schon deshalb, weil Sie darin wohnen, muss sie in Ehren gehalten werden. Hören Sie, Luise, sie nimmt nie etwas übel, ist geduldig wie ein Lamm, kann nie heftig werden, verliert nie ihre Ruhe und Fassung und verlangt nie malträtiert zu werden: vor allen Dingen aber ist sie immer ganz Ihr Eigentum.

Es ist mir höchst beunruhigend, Sie immer noch nicht aus der Nervenfiebergefahr zu wissen. Ich habe meine Mutter an Nervenfieber verloren und bin desto besorgter und ängstlicher dabei. Man kann von den Nachtigallen freilich nicht verlangen, dass sie in Sturm und Winterkälte Darmstadts Tannenhaine beleben. Aber täglich dreimal um den ganzen Park hinter dem Schauspielhaus können Sie doch wandeln, und ich will Sie da im Geiste um die Nachmittagsstunde über die trockenen Kiespfade einher schreiten sehen, in Kassawaika, schwarzem Kleide und Hut, und wenn Sie an dem alten Jägerhaus (oder was es vorstellt – ich weiß nur noch, daß an der Seite eine Treppe ist), vorbeikommen, sollen Sie an mich denken; nur da und zu Hause, denn sonst taugt Darmstadt nicht als Rahmen für mich, es steht mir nicht, und ich möchte um alles nicht, Ihnen auf der Straße in Darmstadt begegnen.

Nun gute, gute Nacht, meine Sehnsucht, ich muss noch ein Stück an meinem Roman schreiben, der mir in den Fingern brennt, weil ich just an der Stelle angekommen bin, wo Sie auftauchen. Sie stehen auf dem Balkone eines alten Schlosses am Meer; die Sonne hat den Westen purpurn gefärbt und ein Sturm die Wogen aufgewühlt; so mit flatternden weißen Gewändern zeichnen Sie sich wunderbar schön am Abendhimmel ab, für einen fernen Wanderer eine Erscheinung wie ein märchenhaftes Bild, eine weiße Frau des Baues, die mit dem erker- und türmereichen Schloss verwebt ist, wie eine tiefsinnige und poetische Sage, die lebendig geworden.

Fortsetzung folgt …

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