Alte Liebe IV

Worum es geht.

Was bisher geschah.

Oha: Luise hat wohl ein wenig zu schwärmerisch von dem gemeinsamen Freund Freiligrath geschrieben – in seinem Brief vom 14. Oktober 1842 macht Levin daraufhin aus seiner Eifersucht keinen Hehl, wenn auch mit einem Augenzwinkern. Vor allem aber ist er besorgt, dass Luise sich bei der Krankenpflege anstecken könnte …

Edle Dame!
Sie haben gewiss schon gefühlt und zwar öfter, als es härteren Männerherzen aufgeht, wie das Leben eigentlich nichts hat als Momente, um deretwillen es allein der Mühe wert ist, eine unendliche Zahl langweiliger Tage durchlebt zu haben. Es ist ein grauer Himmel – aber es sind Sterne daran. Und diese Momente, diese Sterne sind hinreißend, entzückend, den Menschen außer sich reißend in eine Wonne und Lust, welche tieftrauriger Natur, einen bodenlos betrübt machen kann. Es ist die Trauer, dass ein solches hinreißendes Gefühl nur aufblitzt, daß es nicht alle fühlen, dass es so schnell vorüber geht. Dass der Tod doch das Ende von allem ist – der Tod ist der Vater der Poesie.

Aber welch seltsamen Briefanfang mach’ ich da? Sie werden Ihren Augen nicht trauen: ich bin auf den Tod gekommen und wollte Ihnen nur sagen, dass es einer jener schönen Augenblicke war, als ich aufgeregt von einem lustigen Ritt durch die frische Luft eines verschleierten Herbstmorgens, Ihren lieben Brief vorfand und verschlang. Nebenbei: alle Menschen und am meisten die Schriftsteller sind zu bedauern, welche die Poesie des Reitens nicht kennen.

Eigentlich sollt’ ich Ihnen jetzt noch nicht antworten: Entweder trifft dieser Brief Sie, wenn das Nervenfieber Ihrer Cousine sich gebrochen hat, und Sie sind dann in einer so freudigen Stimmung, dass diese Zeilen nichts hinzufügen können: ich bin aber eitel genug, das, wenn auch nicht vorauszusetzen, doch zu wünschen. Oder, was der Himmel nicht wolle, die Krisis hat sich zum Unheilvollen gewendet, und dann komm’ ich völlig mal a propos.

Ich möchte aber so gern mit Ihnen eins plaudern: Das ist eigentlich ein Hauptreiz, dass wir nichts von einander wissen und deshalb uns so unendlich viel mitteilen und erzählen können. Was könnt’ ich Ihnen nicht alles vorplaudern, wenn wir zusammen säßen, einem flackernden Kaminfeuer gegenüber an einem stürmischen Herbstabende, die Früchte des Nussbaumes und die härteren Nüsse der Lebensrätsel knackend! Sie müssen wissen, dass das meine Passion ist; das heißt das Kaminfeuer, nicht das Nüsseknacken. Die fröhlichsten Stunden meines Lebens waren die, wo ich als Knabe zu Hause in einem einsamen waldumschlossenen Jagdschloss (Clemenswerth) am Kaminfeuer in Walter Scotts Romantik schwelgte, während meine Mutter an ihrem Sekretär saß und an ihren Gedichten oder ihre Korrespondenz schrieb. Was könnt’ ich Ihnen nicht alles von der erzählen! Sie war eine Frau, wie es nicht viele gegeben hat und als Dichterin von großer Bedeutung. Es freut mich außerordentlich, dass Sie der Ihren eine so treue Trauer widmen. Es gibt kein Verhältnis auf der Erde, das nur entfernt auf die Weihe von Heiligkeit Anspruch machen könnte, wie das zu einer lieben Mutter.

Es hat mich ebenso gefreut, daß Sie so vertraut mit mir über Ihre jetzige Krankenpflegerinlage plaudern und klagen, um so mehr, da der Trost so nahe liegt: Ihre Gefangenschaft ist vorübergehend. Und wenn Sie Ihre Einsamkeit neben die meine stellen, so wissen Sie nicht, wie ich Sie beneide, den Sommer in St. Goar haben zubringen zu können, und überhaupt bei Menschen zu sein, die ich hier, ein Diogenes, vergeblich mit der Laterne suche. Freilich kann ich so gut wie irgend jemand den Umgang entbehren und habe es auch leider fast immer tun müssen, da man so selten andre Menschen findet, als die Sorte, von der 60 auf ein Dutzend gehen; aber ich finde, dass die Einsamkeit, wie sie die Lust am Träumen nährt, die am Produzieren tötet, und das tut mir leid.

Sie begreifen die Eifersucht nicht? Mir ist das unbegreiflich; wissen Sie wohl, dass ich auf alle Welt eifersüchtug wäre, selbst es jetzt schon auf meinen Freund Freiligrath bin? Was haben Sie sein Lächeln so bezaubernd zu finden? Nur Leute, die sich überschätzen und keine Phantsie haben, sind nicht eifersüchtig; obwohl ich auf der anderen Seite gestehen muss, dass allen edlen Frauennaturen von allem die Wandelbarkeit und Flatterhaftigkeit das Allerfernste, Unmöglichste ist. Eine edle Frau kann dahin kommen, zu vergiften, aber nicht dahin, treulos zu werden. Aber was hilft’s: Es ist uns Männernangeboren, eifersüchtig zu werden. …

Wissen Sie, dass ich wirklich in Angst bin, das Nervenfieber könnte Sie anstecken und meinem kurzen Glückstraum ein Ende machen? Eine Zeile Ihrer Hand, einem Lebenszeichen von Ihnen harre ich aufs Besorgteste entgegen.

Was wir sind? Jedenfalls ein paar guter Kinder, die eine innige Freundschaft durch ein anmutigesm, neckrisches Spiel heitrer machen: vielleicht. Aber wie kann ich das ruhig und sicher aussprechen, ohne meine hohe Herrin zu beleidigen, um deren Hand durch langen treuen Dienst geworben werden muss?

Hören Sie, ich will’s Ihnen ins Ohr sagen: Vielleicht sind wir einst, ich ein gemütlicher alter Herr, der zwar nicht gern von den Lorbeern, auf denen er hinterm Ofen ruht, aufsteht, aber doch mit einer für seine Jahre ganz erträglichen Galanterie seiner kleinen Frau die Hand küsst – es sei denn, sie setze ihm zu Mittag gebackene Hähnl vor, was ihn in eine höchst unliebenswüprige Launer versetzt, indem es ihn an 7 ängstlich verwartete Jahre erinnert, während welcher er sich im Traume häufig in diese Wiener dürre und unschmackhafte Speise verwandelt sah.

Wissen Sie, dass Sie mir höchst damenhaft nicht Ihre Adresse gegeben haben? Ich hoffe, Ihre Erscheinung ist dem gesamten guten Darmstadt denkwürdig genug, dass auch das Geschlecht der Briefträger sich eine Gelegenheit nicht nehmen lassen wird, wo es in die Nähe derselben kommen darf. Dies ist ein dummes Kompliment. Verzeihen Sie es der Innigkeit, womit ich Ihnen noch einmal Lebewohl zurufe.

Fortsetzung …

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1 Kommentar

  1. OH WEH, Der Zeitschreck hatte mich in seiner Gewalt. Ab Montag werde ich die “ALTE LIEBE” wieder mit Freuden verfolgen. Das ist nämlich gut für´s
    Herz :-)))

    Wie schön, dass Du darüber schreibst.
    Das ist etwas ganz besonders Schönes.
    Danke Dir :-)

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