re-publica, Tag 1: Mythen der Blogosphäre
Dies ist übrigens eine Konferenz mit Kommentarfunktion – per SMS direkt auf die Leinwand. Die Kommentare können auch hier verfolgt werden.
Jan Schmidt nimmt einige Mythen über Blogger (männlich, Freiberufler, Dreitagebart, Übergewicht) unter die Lupe:

Die Mythen über die Blogosphäre, die als Ergebnis einer Umfrage vor einiger Zeit veröffentlicht wurden, stellten sich bei näherer Betrachtung als Befragung ausschließlich unter Friendscout24-Nutzern über 18 Jahren heraus. Aus dieser Umfrage wurde auf die Gesamtheit der Blogger geschlossen – fragwürdig, findet Jan Schmidt und setzt dem eine eigene Untersuchung entgegen. Nach Zahlen aus 2005 ist der Anteil von Männern und Frauen unter den Bloggern nahezu ausgeglichen: 46 Prozent weiblich, 54 Prozent männlich. Aber: Unter den Top-100-Bloggern 2006 hingegen waren 20 Prozent weiblich, 80 Prozent männlich. Meistgelesen, meistverlinkt, meistbeachtet sind also die männlichen Blogger.
Dem Mythos von der Gegenöffentlichkeit (Blogs als Alternativ-Medium) stellt Schmidt gegenüber, dass Blogs in zunehmendem Maße von professionellen Journalisten geschrieben würden. Und dass in Weblogs in erster Linie Massenmedien verlinkt würden. Aus dem Publikum kam der Einwurf, dass Blogger in vielen Fällen Massenmedien nicht einfach nur zitieren, sondern kritisch hinterfragen und ihre Texte nach allen Regeln der Kunst zerpflücken – also durchaus eine Gegenöffentlichkeit schaffen. Für mich – als Journalistin, die privat bloggt – gilt zumindest: Vieles von dem, was ich in meinem Weblog schreibe, kann ich so nur dort äußern; besonders, wenn es um Kritik an dem Medium geht, für das ich tätig bin (wobei ich hier schon darauf achte, eine Grenze der Zulässigkeit nicht zu überschreiten – ich mag meinen Job gerne behalten). An manchen Tagen und in gewisser Weise ist mein Blog also “Gegenöffentlichkeit”. Und an anderen Tagen ist es persönliche Öffentlichkeit – das also, was Jan Schmidt als Öffentlichkeitsbegriff für die meisten Weblogs ausmacht. An erster Stelle der Themen in Blogs stünden Berichte aus dem Privatleben; politische Beiträge machten etwa 30 Prozent aus.
Auch auf den Mythos von der Irrelevanz (99 Prozent = Müll, Klowände etc.) ging Schmidt ein. Nach seinem Eindruck werden solche Urteile zumeist von Vertretern klassischer Kommunikationsberufe gefällt, die den Fehler machten, die Bedeutung von Weblogs mit dem gleichen Maßstab zu messen wie ein Massenmedium. Die alte Regel aus einer Zeit, da nur wenige die Möglichkeit zum Publizieren hatten – “Alles, was öffentlich gemacht wird, hat gesellschaftliche Relevanz” – gelte jedoch nicht mehr. “Es geht um persönliche Relevanz, nicht mehr um gesellschaftliche.” Banalisierungsversuche gebe es aber auch innerhalb der Blogosphäre. Jan Schmidt meint dazu: Blogger sprechen abfällig über Katzen-Content oder Strickblogs, um selbst bedeutender zu erscheinen.
Sein Fazit:
Don Dahlmann, Matthias Oborski, Silke Schippmann und Nicole Simon (von links) berichten über ihr “Leben im Netz”:

Silke Schippmann (XING) warnt vor “falsch verstandener Meinungsfreiheit” und beklagt fehlende Medienkompetenz: Auch in ihrem Business-Netzwerk komme es immer wieder vor, dass Leute ausfällig werden oder schlecht über ihre Firma reden. Den meisten sei dabei scheinbar nicht bewusst, wo sie sich gerade befinden: “Der Chef liest mit.” Teilweise müsse man die Leute vor sich selber schützen. Wenn Mahnungen nicht helfen, fliegt auch mal jemand raus – das kommt laut Schippmann etwa zweimal im Monat vor.
Für Nicole Simon ist das Internet wie warmes Wasser: Klar könne man mal drauf verzichten, bei einem Abenteuerurlaub etwa – aber warum sollte man? Das Kontakteknüpfen übers Netz ist für sie deutlich effizienter: Im “echten Leben” müsse sie sehr viel mehr Menschen treffen, um irgendwann die Handvoll gefunden zu haben, die ähnliche Interessen teilen.
Disclaimer: Es handelt sich um sinngemäße Zitate, nicht notwendig wörtliche – ich bitte alle Erwähnten um Verständnis und um Hinweis, wenn sich jemand falsch wiedergegeben fühlt …
Mehrre-publica, Tag 1: Brauchen wir eine Blog-Etikette?
Markus Beckedahl und Johnny Haeusler bei der Eröffnung: “Es hat nicht zufällig jemand ‘n Laptop dabei?”




Kurz vor 16 Uhr, ich komme endlich dazu, einen Happen zu essen – und der einzige freie Platz, den ich in der Kalkscheune finde, ist der neben dem Videoschirm, auf dem Felix Schwenzel, mit dem Laptop auf einem Klodeckel sitzend, aus wirres.net dauer-liest. Mahlzeit.
Nette Idee: Sämtliche Veranstaltungen im Hauptsaal sind live kommentierbar – per SMS. Jede Kurznachricht wird auf einer Leinwand vorne dargestellt (ein, zwei Bilder davon auch hier). Der Vortrag von Torsten Kleinz über Trolle im Netz ist eben zuende gegangen, jetzt heißt das Thema: “Brauchen wir eine Blog-Etikette? Wieviel Verantwortung braucht das Netz?” Auf dem Podium (Pännel, muss man ja heutzutage sagen): Stefan Niggemeier, Don Dahlmann, Rainer Kuhlen (Uni Konstanz), Johnny Haeusler (Moderation).
(“Warum sitzen die Trolle jetzt vorne?”, hat eben jemand auf die Leinwand gesimst.)
Die Ethik der Schweine ist der Stall, sagt Prof. Dr. Rainer Kuhlen von der Uni Konstanz. Oder anders ausgedrückt: Unser Verhalten hängt von unserem Aufenthaltsort ab, von unserem Umfeld, verdichtet sich zu Normen, Regeln, Etiketten – und irgendwann kommen die Philosophen und machen daraus Ethik. Wir bewegen uns im Netz, brauchen also Regeln für diesen Bereich. Eine Netiquette gibt es längst. Aber: Wenn sich jemand nicht dran hält, sind (wirksame) Sanktionen nicht durchsetzbar.
Don Dahlmann meint: Man wird immer zehn, fünfzehn Prozent Idioten haben. Für diese wenigen sollte man keine Regeln aufstellen, wenn sich mehr als 80 Prozent der Leute im Netz benehmen.
Kuhlen: Bloggertexte sind meist pragmatische Texte. Schwierigkeit: Man weiß bei der anonymen Leserschaft oft nicht, wie ein Text aufgefasst wird – das Haupt-Dilemma. Denn jeder Blogger sollte sich über mögliche Konsequenzen im Voraus Gedanken machen. Als Journalist schreibe ich aber doch vielmehr in einen anonymen Raum rein, meint Stefan Niggemeier. Kuhlen: Journalisten erwarten gar keine Reaktionen, Blogtexte dagegen sind auf Wirkung, auf Reaktion hin geschrieben.
Der Fall der bedrohten Bloggerin Kathy Sierra wird herangezogen, um über Vor- und Nachteile von Anonymität zu sprechen. Ein Verbot von Anonymität im Netz würde Kreativität, Spontaneität mindern, warnt Kuhlen.
Der Sierra-Verleger O’Reilly hatte nach dem Vorfall folgenden Bloggerkodex vorgeschlagen:
We take responsibility for our own words and for the comments We won’t say anything online that we wouldn’t say in person We connect privately before we respond publicly When we believe someone is unfairly attacking another, we take action We do not allow anonymous comments We ignore trolls
Don Dahlmann: Wenn du das Internet nutzen willst, dann musst du auch damit rechnen, das andere es genauso nutzen – du kannst nicht nur das eine (das “Gute”) im Netz haben, ohne das andere, die Trolle, die Deppen usw.
Frage aus dem Publikum per SMS-Kommentar: Wenn man das alles zulassen kann/muss/soll, von was für Sanktionen reden wir dann? Welche Etikette macht Sinn, wenn man sie nicht durchsetzen kann?
Stefan Niggemeier: Ich habe gerade das dringende Bedürfnis, über Don Alphonso zu reden. In seinem Blog gelten bestimmte Regeln nicht – Kommentare werden, nach Vorankündigung, gelöscht, Quellen nicht verlinkt, um keinen Traffic zu generieren… Es gibt Leute, die sich andere Regeln geben, und die somit auch andere Diskussionen ermöglichen.
Thilo Baum (im Publikum): Hat es Sinn, Regeln aufzustellen, die die vorhin erwähnten fünfzehn Prozent Idioten eh nicht interessieren – denn die halten sich eben gerade an diese Regeln nicht?
SMS-Kommentar: Wir sind nicht im Krieg, wir schreiben Zeug auf Webseiten.
Thomas Wiegold (im Publikum): Mich stört an der Fragestellung, dass so getan wird, als seien alle Blogger über einen Kamm zu scheren. An große Blogs werden ganz andere Erwartungen gestellt als an kleine. Müssen wir bei Regeln nicht differenzieren?
Thilo Baum (im Publikum): Ich überprüfe jeden Kommentar auf medienrechtliche Relevanz. Blogger sollten sich in Medienrecht schlau machen – Beleidigungen, Schmähkritiken kann man auch als Laie erkennen, aber nicht, was darüber hinausgeht.
Don Dahlmann: Diese Herangehensweise ist für Blogs Quatsch – das ist der alte Gatekeeping-Gedanke, der so nicht mehr funktioniert.
SMS-Kommentar: Die Diskussion über die Blog-Etikette ist wichtiger als die Etikette selbst.
Marcel vom Parteibuch (im Publikum): Wir sollten lieber darüber nachdenken, wie wir die Regeln lockern können, die es schon gibt. Nicht jeder ist als Medienrechtler geboren. Jeder sollte lernen dürfen, jeder sollte eine Stimme haben können. Man darf in Deutschland viele wahre Dinge nicht behaupten, weil sie einen Eingriff in das Persönlichkeitsrecht darstellen.
Thomas Wiegold (im Publikum): Die Blogosphäre funktioniert anders als ein Printmedium, deshalb kann man hier mehr zulassen. Heute Morgen habe ich einen heiklen Kommentar im Blog zugelassen, der als Leserbrief sofort in den Papierkorb gewandert wäre, und es geschah, was ich gehofft hatte: Die Behauptung (es ging um die Wehrmacht) wurde von anderen Kommentatoren sehr schnell konterkariert.
Don Dahlmann: Auch der Rezipient, der Blogleser, braucht Medienkompetenz – er sollte anfangen, über den Informationswert nachzudenken, sowohl bei klassischen Medien als auch bei Blogs, und diesen wichtigen Prozess haben Blogs angetrieben.
Karsten Wenzlaff (im Publikum): Blogger sind ein konservativer und schizophrener Haufen. Einige versauen die Reputation der Blogosphäre durch zweifelhafte Reklame – das gehört in eine Diskussion über Blog-Ethik auch hinein.
Johnny Haeusler: Über Werbung in Weblogs haben wir morgen ausreichend Gelegenheit zur Diskussion…
Das war’s von dieser Veranstaltung. Weiter mit Musik.
Disclaimer: Es handelt sich um sinngemäße Zitate, nicht notwendig wörtliche – ich bitte alle Erwähnten um Verständnis und um Hinweis, wenn sich jemand falsch wiedergegeben fühlt …
MehrBerlin ’07
Ich bin entsetzt. Mein Lieblingsladen, vollgestopft mit ausgemusterten Kostümen aus dem Fundus der nahen Komischen Oper, ein obligatorisches Ziel eines jeden meiner Berlinbesuche – er existiert nicht mehr!
Stattdessen breiten sich nun Ampelmännchen und in Plastik eingeschlossene Mauerbröckchen in den Räumlichkeiten aus.
Gibt’s ja auch kaum welche, hier, Unter den Linden. Zum Glück ist mein anderer Lieblingsladen, schräg gegenüber, noch da: Berlin-Story.
Und sonst, in Berlin im Frühjahr 2007?
Am Bahnhof Zoo ist alles auf Knut:

Hat die Zeitung eine Zukunft? In der Friedrichstraße gibt’s die Antwort.

In einer von Reisebüros und Airlines beherrschten Ladenpassage in der Budapester Straße tanzt jemand aus der Reihe:

Moabiter Mauern.

Abendspaziergang im leergefegten Tiergarten.

Und aus dem Hotel der Spreeblick – ganz echt, ohne .com.

Die Löschtaste kann deine Freundin sein
Bei der Lektüre von Blogs zum Fall Kathy Sierra auf Tracey Gaughran-Perez’ “Methodologie des gesunden Bloggens aus dem Jahr 2007 A.T. (After Troll)” gestoßen – keine neuen Erkenntnisse, aber da man es ja immer mal wieder brauchen kann, sei es hier notiert:
MehrIch überprüfe nicht mehr, woher meine Zugriffe kommen. Nie mehr. Ich habe andere gebeten, mich nicht über trolliges Verhalten irgendwo im Web, das sich auf mich oder mir liebe Menschen bezieht, in Kenntnis zu setzen. Ich moderiere mittlerweile die Kommentare und habe null Schuldgefühl dabei. Falls ich überhaupt etwas fühle, dann dies: a) Ich hätte es viel früher machen sollen, b) Es mag ein Ärgernis sein, aber das ist es defintiv wert, um meine geistige Gesundheit zu bewahren. Ich lese keine Hass-Mails oder -Kommentare, ich reagiere nicht auf Drohungen, Hohn, Sticheleien und ähnliches, bis auf das umgehende Betätigen der Löschtaste. Die Löschtaste ist meine Freundin, und sie kann auch deine sein. Ich habe mir erlaubt, zu dem Schluss zu kommen, dass dies mein Blog ist, auf dem ich tun und lassen kann, was immer ich will. Mein Ort, meine Regeln, meine Grenzen, meine Wahl. Ich schulde niemandem etwas außer mir und meiner Familie.

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