Wie verroht …
… bin ich eigentlich, wenn ich beim Einkauf im Supermarkt hier zunächst etwas anderes lese?
Die Zauberformel wirkt nicht mehr*
So sind wir nun mal gestrickt: Wir wollen einfache Antworten, auch, wenn die Dinge kompliziert sind. Auf diesem Bedürfnis fußt nicht nur der Erfolg einer millionenfach gekauften Boulevardzeitung, es erklärt auch, warum Bücher wie Hermans Eva-Prinzip oder Buebs Lob der Disziplin zu Bestsellern werden: Ob kinderarme Gesellschaft oder Disziplinlosigkeit der Jugend, wir mögen nicht lange über Ursachen grübeln oder gar neue Wege aus dem Dilemma ersinnen. Wir erinnern uns lieber, dass wir da mal ein Rezept hatten, wo haben wir’s doch gleich – ah, hier! Ganz unten in der Schublade. Zurück zur Hausfrauenehe! Zurück zur autoritären Erziehung!
Hat mal funktioniert – zu einer anderen Zeit, und eben nicht auf Dauer. Denn wären wir alle mit den alten Rezepten so glücklich gewesen, dann würden wir heute noch nach ihnen kochen, oder?
MehrAnzeichen von Lebenswillen
Ich fand mich immer vorbildlich, weil ich nach ungewollt tiefen Einblicken in die Intensivmedizin eine Patientenverfügung samt Vorsorgevollmacht gemacht hatte. Heute bin ich nicht mehr so sicher. Werde ich das, was ich da festgelegt habe, immer noch so wollen, wenn es soweit ist?
Kann man wirklich eine Antwort geben, ohne ganz genau zu wissen, wie die Frage lautet? Eine Entscheidung über Leben und Tod treffen, ohne zu wissen, um welche Sorte Leben es gehen wird? Heute bestimmen, was morgen für mich noch Wert haben wird – und was nicht? Andererseits: Ist es legitim, die Last einer Entscheidung allein den Liebsten aufzubürden? Oder den Ärzten? Wenn die Lage hoffnungslos erscheint, beginnen Mediziner die Angehörigen nach letzten Wünschen zu fragen – auch, so habe ich es jedenfalls erlebt, aus eigener Hilflosigkeit.
Im April entscheidet der Bundestag über die Verbindlichkeit von Patientenverfügungen. Der Nationale Ethikrat hat eine Stellungnahme vorgelegt, die mich nachdenklich gemacht hat. Wenn eine konkrete medizinische Situation eintritt, für die in einer Patientenverfügung Festlegungen getroffen sind, dann soll die Verfügung Vorrang gegenüber “Anzeichen von Lebenswillen” haben. Im Klartext: Das Papier hätte mehr Gewicht als der Mensch, auch wenn der alles andere als lebensmüde wirkt?
Deutlich. Höher.
Bewegte Woche bei der Frankfurter Rundschau. Die stellvertretende Chefredakteurin Brigitte Fehrle verlässt uns Richtung Berliner Büro der “Zeit”.
Gepackt haben auch rund 60 Redakteurinnen und Redakteure – für einen Büro-Ringtausch innerhalb des Hauses. Morgen ziehen wir vom vierten in den fünften Stock.
Liebe Online-Kollegen – als amtierender Spätdienst dieser Woche habe ich für euch die letzten Sekunden in unserer guten Stube dokumentiert (Musik: “It ain’t right”):
Fremde Hände
Unbeständig, 11 Grad. Geht als regnerischer Frühlingstag durch, meine ich. Also dann.
Ich hatte meinen Koffer nur wenige Momente aus den Augen gelassen, als ich in dem Buchladen am Frankfurter Hauptbahnhof nach Reiseliteratur schaute. Immer wieder sah ich von den Buchtiteln auf und hinüber zu der Stelle, wo ich mein Gepäck abgestellt hatte. Und während ich aufmerksam Wäsche und Zahnbürste im Auge behielt, stahl mir jemand aus dem Rucksack, den ich am Körper trug, die Geldbörse.
Dumm gelaufen.
Hab ich dir nicht immer gesagt: Pass auf, Kindchen, die Welt ist böse!, meinte der weltbeste Kollege später. Jaja. Hinterher, und so. Niemals Wertsachen auf dem Rücken tragen. Geld und Papiere getrennt aufbewahren. Ich bemerkte den Diebstahl erst, als ich im ICE nach Hamburg saß (ohne gültiges Ticket), und es dauerte wiederum eine knappe Stunde, bis mir der Rempler im Buchladen wieder einfiel. Klassisch. Tausendmal gesehen, sogar selbst drüber geschrieben, und dann das. Peinlich.
Das Aufnehmen einer simplen Anzeige gegen Unbekannt lässt einen einfachen Computer bei der Bundespolizei in Hamburg mehrmals abstürzen. Ich frag mich: Wie wollen die da all die DSL-bewaffneten Dozenten auf der Universität des Terrors dingfest machen? Der Polizeibeamte, Typ Jan Fedder, macht sich wiederholt über meinen zweiten Vornamen lustig, hört damit aber abrupt auf, als ich ihn nach seinem frage.
Unangenehmer als der Schaden ist der Gedanke daran, dass ein fremder Mensch von der Sorte, die anderen Leuten Geld stiehlt, meine privaten Fotos, meine bekritzelten Zettelchen, meine Nachrichten mit Erinnerungswert in seinen Händen gehalten hat. Dass mir jemand so nah gekommen ist, dem ich nie freiwillig diesen Blick auf mein Privatleben offenbart hätte. Alles andere ist ersetzbar. (Brauche ich überhaupt einen neuen Personalausweis? Und einen Führerschein, wo ich doch kaum noch Auto fahre?)
Fürs nächste Mal:
Zentrale Notfall-Sperre von Kredit- und EC-Karten (einheitliche Nummer für alle Institute): 116 116
Bundespolizei: 01805 234566
Fund-Service-Hotline der Bahn: 01805 990599






