Verdachtsmomente
Die S-Bahn muss aufgrund polizeilicher Anordnung geräumt werden. Bitte steigen Sie alle aus.
Langsam, ganz langsam schleicht sich so etwas wie Gewöhnung ein. Man verlässt die Bahn, ruft beim Arbeitgeber an, um die Verspätung mitzuteilen, plaudert mit den anderen Wartenden am Bahnsteig, fragt sich scherzend, ob es wirklich so sinnvoll ist, eine S-Bahn wegen des Verdachts auf eine Kofferbombe zu räumen und sie dann am überfüllten Bahnsteig stehenzulassen, und lacht dabei ein wenig unsicher.
Wir tun nur so routiniert. In Wahrheit schauen wir uns immer öfter um. Betrachten herrenlose Gepäckstücke besitzerinnen- besitzerlose Gepäckstückinnen und Gepäckstücke (der Grund auch für diese Räumung) mit wachsender Unruhe. Beobachten aus den Augenwinkeln heimlich unsere Mitreisenden. Vermutlich werden wir bald wieder aufs Auto umsteigen und, erleichtert am Steuer eine Zigarette rauchend, über die Landstraße rasen. Sicher ist sicher.
Bis dahin bekommen wir Rat vom Boulevard, der aus jedem (Fehl-)Alarm Auflage saugt. Wie kann ich einen Verdächtigen erkennen? … Schwitzende Personen, Reisende mit schwerem Gepäck, Schwangere, Personen mit Sonnenbrillen und Mützen.
Klare Worte
Botschaft an die Medien: Das einzige, wovor die Presse mich verschonen soll, sind die ewigen Verleumdungen meiner selbst, die Fehlinterpretationen, die Besserwisserei und der mangelnde Respekt mir gegenüber.
Natascha Kampusch, Brief an die Öffentlichkeit
Bombendrohung
… bei der Frankfurter Rundschau. Das Gebäude war in wenigen Minuten geräumt – auch vom Kollegen S., der sich gerne bei der Lösung eines angeblich kniffligen CSS-Problems stören ließ. Zur Not auch durch eine Evakuierung.

Warten auf den Sprengstoffspürhund – der schnuppert sich gerade durch das Foyer.

Aber wir haben ja Zeit. Arbeiten kann man schließlich überall, nebenan in Harrys Bar zum Beispiel.
(Merke: Künftig halten wir mehr Abstand von verdächtigen Koffern.)
Irans Angst vor Bloggern
“Wir sollten uns gratulieren: Wir haben das westliche Phänomen des Bloggens so iranisch gemacht, dass sogar Ahmadinedschad, der radikalste antiwestliche Politiker, es unterstützt.” Hossein Derakhshan beobachtet mit großem Interesse, dass sich der iranische Präsident jetzt auch als Blogger versucht. Von Kanada aus schreibt der in Teheran geborene Journalist Derakhshan in seinem Weblog kritisch über die Situation in seinem Heimatland. Seine Website wird, wie die vieler anderer Blogger, im Iran zensiert.
Derakhshan macht sich keine Illusionen über die Motive des Präsidenten, sich des Mediums zu bedienen. Dennoch sieht er darin “eine Garantie, dass die Regierung sogar unter Ahmadinedschad das Internet nicht als Ganzes abschaltet.” Solange ein Populist an der Macht sei, würden wenigstens die Blogdienste vermutlich nicht vom Netz genommen.
MehrLebensverlängernde Maßnahme
Das Unternehmen, das mich lebensversichert, erschreckte mich kürzlich mit der Nachricht: Ihre Tochter wird 101! Tochter? Hab ich da was nicht mitbekommen? Und vor allem: Einhunderteins?
Landauf, landab stimmen private Rentenversichererer das Lied von der Generation der Hundertjährigen an. Die Melodie ist immer die gleiche: Die Lebenserwartung steigt in schwindelnde Höhen – private Vorsorge ist also erste Bürgerpflicht. Am besten bei uns. Hier unser Angebot…
Nebeneffekt: Wenn die Lebenserwartung steigt, sinkt für die Versicherer der monatlich auszuzahlende Betrag – die angesparte Summe muss ja, rein rechnerisch, für eine längere Zeit reichen.
Das Statistische Bundesamt gab für 2004 geborene Mädchen eine Lebenserwartung von 81,55 an, für Jungen des gleichen Jahrgangs 75, 89. Ich fragte deshalb bei meinem Lebensversicherer,wie er darauf kommt, dass meine fiktive Tochter zwanzig Jahre älter werden wird als der Durchschnitt. Die Antwort: Versicherungsunternehmen orientieren sich nicht an der tatsächlichen Lebenserwartung, sondern an der aktuellen Sterbetafel für Rentenversicherungen der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Der künftige medizinische Fortschritt und die Lebensumstände der Zukunft werden dabei gleich mit eingerechnet, die Sterblichkeit dagegen bewusst niedriger angesetzt.
Dass Versicherer sich mit dieser Kalkulation selbst absichern, ist nachvollziehbar. Dass sie mit denselben unrealistischen Zahlen Versicherungen verkaufen, ist Bauernfängerei.
Gespenstisch
Bei der Lektüre dieses Artikels über die Reaktion britischer Medienunternehmen auf Blogs und andere Entwicklungen im Internet musste ich mich mehrfach vergewissern, ob ich nicht in eine entlegene Ecke des Archivs geraten war. Aber nein: August 2006, steht drüber.
MehrVerhaftet zum Demonstrieren
Im Anschluss findet ihr eine Liste von Weblogs, die ein Zeichen gegen die von Politicallyincorrect und seinen Redakteuren betriebene Form des Rassismus, seiner Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit, seiner verfassungsfeindlichen Artikel und Hetzerei setzen und zur Zivilcourage auffordern möchten,
schreibt Bluejax hier – und das, ich bezweifle es nicht, sicher guten Willens.
In der nachfolgende Liste taucht auch mein kleines Blog auf – mit einem Link zu diesem Beitrag, in dem ich in erster Linie über Persönlichkeitsrechte schreibe. Ob ich mich einem friedlichen Protest gegen Intoleranz, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit usw. anschließen möchte, hat mich niemand gefragt. Seit vielen Jahren schon suche ich mir meine Beteiligungen an Aktionen jedweder Art ganz alleine aus. Kann ich das bitte auch in Zukunft so halten? Danke.
Selbst auf die Gefahr hin, Pickel zu kriegen.
Da gehste einmal in Klein-Bloggersdorf über die Straße, ohne groß zu gucken – und schon wickeln sie dich in Transparente ein. Tz.
Abgründe
Stefan Niggemeier beschreibt in seinem Urlaubsdomizil, was sich derzeit bei Stefan Herre abspielt: Der hat ein in der Wuppertaler Schwebebahn geschossenes Foto von zwei Fahrgästen online gestellt – ein bärtiger Mann und eine verschleierte Frau – , betrachtet es offenkundig als Beleg für die islamistische Bedrohung Deutschlands und fordert seine Leser auf, zu Paparazzi in islamophober Mission zu werden: Sollte es PI-Leser geben, die ähnliche Beobachtungen in ihrer Stadt machen, freuen wir uns über jede aussagekräftige Zusendung. Ok, ist halt der Herre, mag man denken und sich angewidert abwenden. Und auch viele der Kommentare dort geben so erschöpfend Auskunft über die geistige Verfassung ihrer Urheber, dass jede Reaktion vergebliche Mühe ist. Durch die Sache mit dem Foto aber, das erklärtermaßen gegen den Willen der Abgebildeten gemacht, unter Missachtung des Persönlichkeitsrechts veröffentlicht und in einen Kontext mit islamistischem Terror gezerrt wird, bekommt dieser Abgrund eine erschreckende Dimension.
Und prompt taucht, unter anderem in den Kommentaren verlinkt, im Netz eine weitere Grafik auf. Jemand hat das Bild von dem bärtigen Schwebebahn-Fahrgast neben ein Foto eines Mannes mit einem Hisbollah-Kopftuch montiert und suggeriert, es handele sich um dieselbe Person. Unter dem Dateinamen hisbollahinwuppertalpt8.jpg kursiert damit das Foto einer Person im Netz, von der nichts weiter bekannt ist, als dass sie einen Vollbart trägt und an einem bestimmten Tag die Wuppertaler Schwebebahn benutzt hat.
In Fällen wie diesen könnten all die Abmahnanwälte ausnahmensweise mal richtig sinnvolle Arbeit leisten – und die Veranstalter solcher Hexenjagden nebenbei auch auf Lebenszeit aus dem Internet aussperren.
Update: Stefan Niggemeier berichtet heute, das Bild sei vom Bloghoster entfernt worden, und teilt mit, welche Auskunft er von myblog-Betreiber Nico Wilfer zu diesem Fall bekommen hat.
Update 2: Nein, ich bin nicht Bestandteil einer so genannten Protest-Welle – auch, wenn die Aufnahme dieses Beitrags in diversen Anti-PI-Aktionisten-Listen das nahe legt. Jemand ist hingegangen und hat offenbar alle zu “Erstunterzeichnern” gemacht, die Technorati in diesem Zusammenhang ausgespuckt hat. Oder so. Eine Art der Vereinnahmung, die sich nicht wesentlich von den Pauschalierungen bei PI unterscheidet. Seufz.
Von gestern
Aus der Pressemitteilung des Deutschen Journalistenverbandes
DJV sieht Leserreporter kritisch:
Es entwertet die Arbeit von Redaktionen, sagte DJV-Bundesvorsitzender Michael Konken, wenn ambitionierte Amateure die Aufgaben professioneller Journalisten übernehmen. Der Mitmachjournalismus schadet auf Dauer dem Qualitätsprodukt Zeitung.
Manchmal frage ich mich ernsthaft, wann die Damen und Herren vom Deutschen Journalistenverband das letzte Mal eine Lokalredaktion von innen gesehen haben. Schon während meiner Volontärszeit – und das ist jetzt mehr als zehn Jahre her – habe ich nicht eine einzige Redaktion erlebt, in der nicht auf die Berichte von ambitionierten Amateuren zurückgegriffen wurde. Jeder Pressemensch eines örtlichen Vereins weiß genau, worauf er achten muss, damit sein Text gute Chancen hat, ins Blatt zu kommen. Ein wenig redigiert, allenfalls. Und – tschuldigung – auch die Heerscharen von freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, ohne die kein Blatt existieren kann, sind seit eh und je meist nichts anderes als ambitionierte Amateure. Warum also die Aufregung?
Vielleicht, weil der DJV ahnt, dass es ernst wird. Dass es diesmal um mehr geht als um das billige Abfüllen von Zeitungsspalten. Dass professionelle Journalisten künftig zunehmend nicht mal mehr fürs Redigieren gebraucht werden könnten.
Ja, wir müssen wirklich alarmiert sein. Unser Berufsstand ist tatsächlich bedroht. Doch die Bedrohung geht nicht von “Leserreportern” aus (oder von Volkskorrespondenten, wie sie in den 1920er Jahren hießen). Sie geht vor allem von der eigenen Bräsigkeit aus, mit der wir (Print-)Journalisten uns strikt weigern, auf die veränderte Mediennutzung unserer (Noch-)Kundschaft zu reagieren. Zu viele halten sich noch immer an einem Monopol auf Nachrichtenvermittlung fest wie Kinder an einem exklusiven Spielzeug – dabei haben all die anderen in diesem immer voller werdenden Sandkasten längst ihr eigenes Förmchen.
Dieses starrsinnnige Festhalten an einem anachronistischen Berufsbild ist es, das dem Qualitätsprodukt Zeitung am meisten schadet. Und nicht das bisschen Mitmachjournalismus, dem der ganz große Boom erst noch bevorsteht.

