Tschüss, Robert Gernhardt

Ich bin Robert Gernhardt vor einigen Jahren an der Mosel begegnet. Im Haus Waldfrieden der Winzerfamilie Stein in Alf kommen regelmäßig Schriftstellerinnen, Kabarettisten, Dichter, Musikerinnen beim Wein zusammen und gestalten literarisch-musikalische Abende. Das Schöne: Publikum und Künstler gehen danach nicht auseinander, sondern können im Haus übernachten, sich morgens beim Frühstücksbuffet wieder begegnen und weiter unterhalten – mit Tischnachbarn wie Gernhardt im wahrsten Wortsinne.

Dreißigwortegedicht
Siebzehn Worte schreibe ich
auf dies leere Blatt,
acht hab’ ich bereits vertan,
jetzt schon sechzehn und
es hat alles längst mehr keinen Sinn,
ich schreibe lieber dreißig hin:
dreißig.

R. Gernhardt, 1937 bis 30.6.2006

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Vorsorge in Berlin

Da haben wir’s: Die Bundesregierung glaubt nicht an unsere Nationalmannschaft! Auf einer bis in den frühen Freitagmorgen terminierten Sitzung des Bundestages wird noch schnell unter Dach und Fach gebracht, worauf ab morgen Abend wieder die Aufmerksamkeit des Volkes fallen könnte.

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Weichmacher

Palästinensische Extremisten des Volkswiderstandskomitees (PRC) haben am Mittwoch Beweise für die Geiselnahme eines weiteren Israelis präsentiert. Bei einer Pressekonferenz in der Stadt Gaza legte PRC-Sprecher Abu Abir die Fotokopie des Personalausweises eines Siedlers vor, der seit Sonntag vermisst wird…

… tickert Reuters heute.

Wie bitte? Pressekonferenz? Da hilft kein Augenreiben – das steht da wirklich. Entführer nennen ihre öffentlichen Bekennerauftritte “Pressekonferenzen”, ihre kriminellen Vereinigungen “Komitee”, ihre Wortführer “Sprecher” – und wir Journalisten übernehmen blindlings dieses Vokabular, das aus Banditen Funktionäre macht?

Was kommt als nächstes – die Ankündigung neuer Untaten vor ausgewählten Medienvertretern als Power-Point-Präsentation, vorgestellt vom Al-Quaeda (AQ)-Pressesprecher?

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Bekenntnisware für Nicht-Patrioten

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Staatskarossen

Bei manchen dieser gleich mehrfach schwarz-rot-gelb-beflaggten Autos war ich schon versucht, kleine Zettelchen unter die Windschutzscheiben zu klemmen: Je größer der Fimmel, umso kleiner der… ach, was soll’s. Ist doch verständlich, dass man einfach mal das Gefühl haben möchte, wichtig zu sein. Bedeutend. Staatstragend!

(Ich bin nur neidisch. Hm. Ich könnte vielleicht schwarze Fähnchen verkaufen. Könnte bald Trend sein. Heute Abend schon.)


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WM-Splitter

Doch, doch: Ich freue mich über die tägliche Partystimmung, über den Torjubel aus der Main-Arena nebenan und die Musik, die von dort durch unsere geöffneten Fenster in die Redaktion zieht. Die Begeisterung hat nur leider ein Tag-Nacht-Gefälle: Je später der Abend, um so kehliger das Gebrüll. Spätestens, wenn die Deutschland-Rufe zunehmend in einer Tonlage erklingen wie das Geschrei dieser einschlägigen Horror-Bands, und wenn ich auf dem Heimweg Zickzack zwischen stark angetrunkenen Männern laufen muss, ist es vorbei mit der WM-Stimmung.

Heute ist in Frankfurt Oranje-Tag: Seit vielen Stunden schon machen sich da drüben die Niederländer warm, wie mein Kollege dokumentiert. Eben spielen sie Don’t cry for me, Argentina, ansonsten kriegen wir die volle Packung holländische Schlager.

Beim Spiel Deutschland – Ecuador gestern hat sich nur einer unbeliebt gemacht: Der Kapitän eines Flusskreuzschiffes, der sein Boot sehr langsam an den mitten im Main aufgestellten Großleinwänden vorbeigleiten ließ und vielen Zuschauern auf den Tribünen am Ufer die Sicht auf Klose & Co nahm. Er fuhr übrigens unter holländischer Flagge.

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