Nur schlecht geträumt
Heute Nacht geträumt, dass es durchs Dach regnet, seit Internet Explorer 7 installiert ist.
Zeitungsverleger lesen nicht
Das langsame Sterben der Tageszeitungen geht weiter – und die neue Imagekampagne des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) wird darauf einen eher beschleunigenden Einfluss haben. Die Kampagne Die Zeitungen. Wer liest, versteht soll den Tageszeitungen aus dem Siechenbett helfen und beweist doch nur eins: Dass die Verleger noch immer nichts begriffen haben.
Die Motive zeigen einzelne Meldungsschnipsel, die – gemeinsam gelesen – Zusammenhänge erklären. Beispiel: Börsenkurse rauf – Auftritt Osama bin Laden – Börsenkurse runter. Oder: “Loch im Stadtsäckel größer als befürchtet” – “Drei neue Radarfallen in der Innenstadt”. Aha. Wer hätte da einen Zusammenhang vermutet? Wie gut, dass wir die Tageszeitung haben.
Laut BDZV lautet die Botschaft: Nur wer Zeitung liest, kann wirklich mitreden. Nur wer Zeitung liest, kann mitentscheiden. Und wer es in dieser Gesellschaft zu etwas bringen will, muss Zeitung lesen.
Oder, um es mal mit meinen Worten zu formulieren: Wir erklären euch die Welt. Ohne uns wisst ihr nicht, was da draußen vor sich geht. Ohne uns seid ihr eine Herde gutgläubiger Lemminge. Ohne uns begreift ihr nicht mal die simpelsten Zusammenhänge.
MehrPhantomschmerz
Am dritten Tag erreichten wir unser Ziel – und das war höchste Zeit. Auf der El Colono, einem alterschwachen Kahn der chilenischen Schifffahrtsgesellschaft Transmarchilay, herrschten zu diesem Zeitpunkt bedenkliche hygienische Zustände: 200 Passagiere, ein gutes Dutzend Toiletten – und das Klopapier war bereits am zweiten Tag ausgegangen. Manchmal muss man Opfer bringen. Wir wollten ihn unbedingt sehen, den Nationalpark Laguna San Rafael, eine der berühmten Sehenswürdigkeiten auf halbem Wege von Patagonien nach Feuerland.
Treibende Eisberge kündeten seit dem Morgen davon, dass der Gletscher San Valentín nah war. Als er gegen Mittag in Sichtweite kam, stimmten unsere chilenischen Mitreisenden an Deck wie selbstverständlich die Nationalhymne an. Ein Freund aus Santiago, der unsere peinlich berührten Blicke sah, versuchte, uns das Nationalgefühl der Chilenen zu erklären: Es sei der Stolz eines Volkes, das die Diktatur aus eigener Kraft abgeschüttelt habe.
MehrSelber schuld
Als die Kinder Kröten nach Hause brachten und im Zirkus nicht mehr lachten, als sie ihr Brot nicht mehr aßen und stattdessen die Kröten fraßen, als sie Teddybären zerrissen und in Autoreifen bissen, als schließlich Kindergärten brannten und Lehrer um ihr Leben rannten, da wussten wir, es ist aus.
Jemand, nein etwas muss schuld sein an dieser gottverdammten Pleite. Das Internet, das böse. Es verdirbt uns unsere Kinder. Es macht blauäugige kleine Engel zu Monstern. Chats, WLAN-Parties, was ist das alles überhaupt, wir sind auch ohne all das groß geworden, und wenn es auch vieles gab zu unserer Zeit, virtuell getötet wurde jedenfalls nicht. Experten im Studio erklären uns, wie wir unsere Kinder vor diesem Interdings schützen können, als ob es sich eine ansteckende Krankheit handelte. Wir ziehen skeptisch die Augenbrauen hoch, wenn sie solche merkwürdigen Dinge tun wie bloggen oder chatten, aber wir haben nichts dagegen, wenn sie stattdessen stundenlang RTL gucken.
Es ist aus. Zu spät. Selbst wenn wir den Knopf drücken. Die Sache ist nämlich die: Wir haben unsere Kinder nicht an irgendein Paralleluniversum verloren – sie haben uns verloren. Wir bemerken unsere Kinder nicht mehr. Wir bemerken sie nicht, wenn wir bei Rot über die Straße gehen, obwohl sie uns dabei zusehen; wir bemerken sie nicht, wenn sie in der Nachbarwohnung um Hilfe rufen; wir sehen ihre Schrammen nicht, die äußerlichen und die inneren, und wenn, dann fragen wir nicht. Wir bemerken sie nicht einmal mehr, wenn sie direkt neben uns sitzen, während wir uns Enthauptungs-Videos in den Fernseh-Nachrichten anschauen. Wir lassen sie ungebremst gegen Wände laufen. Wir lassen sie allein.
Unsere Kleinen da draußen verbrennen die Erde, es kochen die Flüsse, es verdampfen die Meere, oben am Himmel der kleine Bär schläft auch nicht mehr. Ja, unsere Kleinen, unsere Kleinen haben uns den Krieg erklärt, haben Dir, Mutter, mir, Vater, den Krieg erklärt, weil im Raum Waldburg, an der Grenze, hat dieser gottverdammte Panzer den Osterhasen überrollt.
Ludwig Hirsch, Die gottverdammte Pleite, 1979
Wie neu
Ich bin jetzt 39, und das kam überraschend – schnell. Als ich 30 wurde, feierte ich eine Riesenparty, drückte irgendwann in den frühen Morgenstunden meine definitiv letzte Zigarette aus und wandte mich in freudiger Erwartung dem frisch geschlüpften besten Lebensjahrzehnt zu. Endlich kein dummer Twen mehr, der sich kopflos in jedes Abenteuer stürzen muss! Und noch so lang hin bis Quenty Forty!
Das war eigentlich gerade vorgestern, und die wirklichen Abenteuer hatte ich in Wahrheit noch vor mir. Aber ehe ich mich versah, bin ich – schwupps – 39 geworden. Von der langen Strecke ist nur ein Schrittchen geblieben, und nun ist da kein 30er Geburtstag mehr, der mir gnädigerweise den Blick auf meinen 40. verstellt. Mein Personalausweis läuft ab, und mein bestes Lebensjahrzehnt gleich mit.
Ich habe damit überhaupt kein Problem.
Ich muss nur dran denken, rechtzeitig einen neuen zu beantragen. Ausweis, mein ich.
PS: Und die Party zum 40. nächsten Sommer wird noch VIEL VIEL GRÖSSER! Ätsch.
Zurück in die Zukunft
Entschuldigung, wenn hier derzeit wenig los ist. Ich vergrabe mich gerade in Details über Straßenbau und Postwesen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im ländlichen Westfalen. Ich sach nur: Rückständigkeit, dein Name ist Paderborn! Zwischendurch suche ich nach ollen Sachen; am Wochenende unterlag ich knapp bei der Versteigerung eines Halbjahrsgangsbandes des Westfälischen Merkur, Januar bis Juni 1838, trauerte drei Tage und stellte dann erleichtert fest: Das, was ich suchte, war gar nicht drin, sondern erschien erst im August desselben Jahres. Glück gehabt!
Ich weiß gar nicht, warum ich so lange keinen Fuß mehr in die Frankfurter Uniblibliothek gesetzt habe: Das verjüngt ungemein! Ich brauche dann noch Ihren Studentenausweis, meinte der freundliche Herr an der Anmeldung – und guckte prüfend (!), als ich antwortete, mein Studium sei zwölf Jahre her. Und was sich da alles verändert hat! Ok, das taschenprüfende Faktotum am Eingang zum Lesesaal scheint noch ein Restbestand von damals, aber sonst… jede Menge PC-Arbeitsplätze und Internetzugänge auf mehreren Etagen, eine loungige Cafeteria in der Halle, endlich reichlich abschließbare Spinde im Keller, und sogar der verknitterte Zettelkatalog ist digitalisiert. Überhaupt: Recherche im Bestand, Bestellung der Bücher – geht alles online. Nur zum Abholen muss man noch an die “Theke” (das hieß damals auch schon so). Und der Ausweis, den ich schließlich auch ohne Studentinnenstatus bekam, ist auch nicht mehr von Pappe.
Stör ich?
Bis dahin charmanten Aufenthalt im Netz und viel Spaß bei der Recherche und beim Schreiben, wünscht mir der Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einer Behörde, nachdem er mich auf kommende Woche vertröstet hat. Wie der Weiterleitungs-Historie zu entnehmen ist, bummelte meine Anfrage durch drei Abteilungen, bis schließlich Freitagmittag war – und das ist ja quasi schon mitten im Wochenende. Da geht nix mehr. Ich hoffe, dass Sie Verständnis dafür haben.
Es geht um nicht weniger als um eine offizielle Begründung für das Sperren von Webseiten im Zusammenhang mit dem so genannten Amokläufer von Emsdetten. Ich scheine mit der Frage nach der rechtlichen Grundlage den Ermittlern wertvolle Zeit zu stehlen. Die Zeit vor dem Feierabend reicht immerhin noch, um mir mitzuteilen, dass die Kollegen der Fachdienststelle zur Zeit mit der Abarbeitung des aktuellen Falles alle Hände voll zu tun haben. Inzwischen habe ich eine Auskunft anderweitig bekommen – vom Oberstaatsanwalt, über das gute alte Telefon.
Nur die oben zitierte Grußformel, die lässt mir irgendwie keine Ruhe. Ich kann mir nicht helfen – ich lese da:
Bis dahn viel Vergnügen beim Durchwaten dieses Dreck-Dingens namens Internet, in dem sich nur völlig durchgeknallte bloggende Amokläufer wohl fühlen können, man sollte das alles verbieten! Aber so war das ganz ganz bestimmt nicht gemeint.
Unterdrückte Bedürfnisse
Irgendwann während der äußerst vergnüglichen zwei Stunden gestern Abend meinte Edda, wir sollten ab und zu das Kind in uns rauslassen. Uns zum Beispiel daran erinnern, wie wir missmutig hinter Mama hergetrottet sind und “Ich will aber nicht in den Kindergarten!” plärrten. Habe das an der Ampel auf dem Weg zur Arbeit heute morgen kurz in Erwägung gezogen, aber verworfen. Mein Chef stand neben mir.
(So ganz erwachsen wird man ja bekanntlich nie. Nicht, so lange wir uns an der Supermarktkasse beim Griff in die Süßigkeiten-Auslage noch schuldbewusst umschauen, als würde uns gleich jemand auf die Finger hauen. Aber immerhin werfen wir uns nicht mehr auf den Boden.)
Alte Bücher
Vielleicht liest der eine oder die andere an alten Büchern Interessierte hier mit, daher ein Zitat aus einer Mail, die ich dieser Tage vom Inhaber eines Berliner Antiquariats bekam:
Das, was Sie im Internet vorfinden, ist ja nur ein Teil des Antiquariatsmarktes (und, wie ich leider sagen muß, nicht der beste). Zwar veröffentlichen auch viele sehr kompetente Kollegen Ihre Bestände auf verschiedenen Plattformen, aber die wertvollen oder seltenen Titel werden zum Teil auf anderem Wege verkauft. Ich z.B. verwalte hier derzeit ca. 500 Titel aus dem 16. bis 19. Jahrhundert, online biete ich aber nur etwa 10% dieser Bücher an. Das Internet führt zwar dazu, daß Sie solch eine Ausgabe wie die von Ihnen erstandene der “Briefe” für ein (meiner Meinung nach viel zu) geringes Geld kaufen können, die seltenen und gesuchten Titel kommen aber entweder gar nicht zum Vorschein oder sind sehr schnell vergriffen oder entsprechend teuer.
Unfähige Politiker sofort verbieten!
Schon wieder das altbekannte Killer-Spiel: Direkt im Anschluss an einen jungen Menschen laufen Politiker Amok. Sparen jahrelang an der Betreuung für Schüler, lassen Klassenräume verkommen, Stellen unbesetzt, überforderte Lehrer im Stich und zeigen dann mit dem Finger auf Counterstrike und Internet und all das Teufelszeug.
Wird Zeit, dass die sich öfter mal vor den Rechner setzen und eine Weile SimPolitics spielen, bevor sie auf das echte Leben losgelassen werden.

